Montag, 7. März 2016

Rezension | "Die Zelle" von Jonas Winner



Knaur Verlag | Taschenbuch | 336 Seiten | 9,99 € | 11.01.2016 | 978-3-426-51276-0

"Der Sommer wurde nicht sonnig und verschlafen. Es wurde der Sommer des Fleischwolfs. Eines Fleischwolfs, der mich in seine Zähne bekommen und in sich hineingedreht hat." // Seite 20



Sammy ist elf und gerade mit seinen Eltern nach Berlin gezogen. Im Luftschutzbunker der alten Jugendstilvilla, die die Familie im Grunewald bezogen hat, macht er eine verstörende Entdeckung. Ein vollkommen verängstigtes Mädchen, nicht viel älter als er, ist dort unten in einer Zelle eingesperrt, die man mit Gummifolie ausgekleidet hat. Nur durch einen winzigen Schlitz hindurch kann er sie sehen. Am nächsten Tag ist die Zelle leer, das Mädchen verschwunden. Und für Sammy kann es dafür eigentlich nur einen Grund geben: seinen Vater.


Ich hatte mal wieder richtig Lust auf einen guten Thriller und Die Zelle von Jonas Winner war das perfekte Buch für mein Vorhaben. Den Klappentext fand ich gut gewählt, denn er hat mich neugierig auf die Geschichte rund um Sammy, das Mädchen und seine Familie gemacht.

Als allererstes muss ich sagen: Ich liebe deutsche Handlungsorte. Ich lese sehr viele amerikanische Horror- und Psychothriller und daher bin ich jedes Mal froh, wenn mir ein Buch in die Hand fällt, das in Deutschland spielt. In Berlin war ich zwar bisher noch nie – aber das ist ja auch zweitrangig.

Sammy scheint ein normaler Junge zu sein. Elf Jahre ist er alt, er zieht von London nach Berlin und versucht sich in der neuen Stadt und in dem neuen Land einzuleben. Im Gegensatz zu seinem Bruder Linus, der mit seinem Vater schon vorgefahren ist um das Haus einzurichten, hat er keine Freunde und auch keine Beschäftigung für die Sommerferien. Als er sich langweilt, findet er einen Luftschutzbunker unterhalb der Villa und entdeckt dort versteckt in einer kleinen Zelle ein Mädchen, kaum älter als er selbst. Als er sie am nächsten Tag nochmal besuchen will, ist sie weg.

Jonas Winner hat mit Die Zelle einen Thriller geschaffen, der mich richtig packen konnte und durchgängig Spannung beibehält. Auch wenn mir die Einführung in das Buch ein wenig schwer gefallen ist, nimmt die Geschichte an Fahrt auf, als Sammy die böse Entdeckung macht. Ab da an habe ich mit dem 11-jährigen Jungen mitgefiebert und überlegt, wie das alles zusammenhängt. Ständig habe ich mir die Fragen gestellt: Wer ist das Mädchen? Warum war sie dort unten? Wer hat sie dort versteckt? Und vor allem: Wo ist sie jetzt? Mehrere Spannungsbögen haben die Geschichte an Düsternis und Unheimlichkeit weit oben gehalten und obwohl ich relativ schnell hinter das Rätsel gekommen bin, war ich doch am Ende überrascht von den Motiven und wie alles aufgelöst würde. Das Protokoll und die Tonbandaufzeichnung auf den letzten Seiten des Thrillers bewerte ich als perfekte Lösung; sie decken manch eine offene Frage doch noch auf. Besonders bei der Aufzeichnung habe ich mich gegruselt, auch wenn ich nicht genau sagen kann, warum. Ich war vermutlich einfach in der Geschichte gefangen.

Anfangs hatte ich die Befürchtung, dass ein 11-jähriger Protagonist nicht die beste Wahl ist. Ich hatte kindliche Anwandlungen, Trotzreaktionen und unnötige Abschweifungen erwartet, die die Spannung des Thrillers zunichte machen würde. Doch nachdem ich das Buch beendet habe, kann ich sagen, dass Sammy die perfekte Wahl als Hauptprotagonist (und Ich-Erzähler) war. Zum einen hat er sich an manchen Stellen viel erwachsener verhalten, als man es ihm zugetraut hätte, auf der anderen Seite war er so auch empfindlich für die Veränderung innerhalb der Familie, vor allem die des Vaters, vielleicht auch ein Stück weit für die des Bruders. Auch die anderen Figuren fand ich stark und interessant ausgearbeitet, auch wenn nicht alle eine große Rolle im Hauptgeschehen spielten.

Der Schreibstil des Autors hat mir sehr gut gefallen; er war angenehm und flüssig zu lesen. Ich mag die düstere und unheimliche Sprache, die Jonas Winner verwendet hat. Sie hat mir an manchen Stellen eine Gänsehaut bereitet und konnte die Spannung bis zum Schluss halten. Auch das Cover finde ich sehr ansprechend und gut gewählt. Die schlichte Gestaltung spiegelt die dunkle, unheimliche Stimmung sehr gut wider und lässt dem Betrachter genug Raum, sich ein Versteck oder eine Zelle für ein Mädchen vorzustellen.


Die Zelle von Jonas Winner hat mir sehr gut gefallen: ein unheimlicher Thriller, eine spannende Wendung, tiefgründige Charaktere und einen guten, flüssigen Schreibstil. Obwohl ich den Thriller alles in allem sehr gut fand und mich das Gesamtpaket überzeugt hat, gibt es von mir einen halben Stern Abzug dafür, dass ich doch recht schnell den Täter durchschaut hatte – die Motive und alles drumherum aber nicht (definitiv ein Überraschungsfaktor!).



"Musste er es nicht auch wissen? Dass etwas nicht stimmte! Dass etwas im Gange war und wir nur so taten, als wäre alles in bester Ordnung?" // Seite 149
"Aber Mädchen, die in Keller eingesperrt werden, gibt es auch. In Amerika, in Österreich, sie werden immer wieder entdeckt." // Seite 212





Herzlichen Dank an den Knaur Verlag, der mir dieses Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat!

Ich wünsche euch einen wunderschönen Tag.

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